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Liebe Freunde, liebe Kunden,

Der französische Philosoph Blaise Pascal schrieb einmal: „Niemals tut man so vollständig und so gut das Böse, als wenn man es mit gutem Gewissen tut.“ Doch gibt es das gute Gewissen in der bösen Tat überhaupt, oder wird der Täter immer von den Dämonen, die er oft selbst hervorgerufen hat, verfolgt?

 

Dazu sei noch die treffliche Bemerkung Marie von Ebner-Eschenbachs angeführt: „Es würde viel weniger Böses auf Erden getan, wenn das Böse niemals im Namen des Guten getan werden könnte.“ Die Abgründe des Bösen, ob im Namen des Guten oder als Kampf mit dem Dämon, waren auch ein zentrales Thema und Motiv des künstlerischen Schaffens. Und so blicken wir gebannt auf die musikalischen Neuerscheinungen des Herbstes, die uns mit und ohne Dämon heimsuchen …

 

Hier sind unsere Empfehlungen dazu:

 

KEVIN MORBY - SUNDOWNER  LP/CD

Morby begann zu Hause mit der Arbeit an „Sundowner“, wobei er hauptsächlich einen vierspurigen Tascam 424-Recorder verwendete. Anschließend ging er zur Sonic Ranch in Texas, um das Album mit dem Produzenten Brad Cook aufzunehmen. „Ich habe das gesamte Album mit Kopfhörern geschrieben, mich über den 424-Recorder gebeugt, meine Stimme und Gitarre durch die Maschine laufen lassen, mich in der Wärme des Bandes verloren, als würde eine andere Version von mir im Inneren leben und zu mir singen.“ Im Vergleich zu den eleganten Orgeln und dem Gospel-Flair seines Vorgängers ist „Sundowner“ auffallend minimalistisch und bietet hauptsächlich leichte Gitarren-Strums, spärliches Klavier und sanfte Percussion-Beiträge des Big Thief-Schlagzeugers James Krivchenia. Perfekte Herbstmusik.

 

Kevin Morby - Sundowner

Kevin Morby - Don't Underestimate Midwest American Sun

 

METZ - ATLAS VENDING  LP/CD

Die Zeit vergeht wie im Fluge, wenn Sie von einem Arsenal brutalen Post-Punks getroffen werden, das Metz in den letzten acht Jahren Album für Album abgefeuert haben. „Atlas Vending“ ist nun die vierte Platte der kanadischen Gruppe – und sie trifft dich wie eine Tonne Steine ​​aus dem zehnten Stockwerk! Metz hat nicht eine Unze der Brutalität verloren, die sie hier Ihren Ohren zufügen können, aber es wäre leicht für das Pilotlicht dieser Band, nach mehreren Alben in derselben Ebene auszugehen. Ihre abenteuerlichen Schritte zur Optimierung des Tempos wirken sich positiv auf „Atlas Vending“ aus. Der neue Geräuschwirbel, den sie erzeugen, drängt einen an die Wand, wo man gebannt lauscht, was als nächstes auf einen zukommt. Vor allem ihre Kraft und ihr Antrieb sind immer noch intakt, was „Atlas Vending“ möglicherweise zum schärfsten Album macht, das die Band bisher veröffentlicht hat!

 

Metz - Pulse

Metz - A Boat To Drown In

 

FREDDIE GIBBS & THE ALCHEMIST - ALFREDO  LP/CD

„Alfredo“, die kollaborative LP von Rapper Freddie Gibbs und Produzent The Alchemist zelebriert mit seiner Mario Puzo-artigen Cover-Art bis zu den verschiedenen Gangster-Film-Samples während seiner 35-minütigen Laufzeit die Mafioso-Ästhetik und erkennt gleichzeitig deren Hässlichkeit an. Im Kern war die Rolle der Mafia im Hip-Hop immer ein Vorbild-Gangstertum. Rapper, die über den Verkauf von Drogen erzählen, wollen nicht in einem heruntergekommenen, leer stehenden Haus sich versteckt müssen, sondern auf feinem Porzellan in Designerkleidung speisen. Die Mafiosos – in der Realität wie im Film – zeigten ihnen, wie das geht, während sie von einer WASPy-Aristokratie, die sie als Bürger zweiter Klasse ansah, die Nase voll hatten. Freddie Gibbs und The Alchemist scheinen davon besonders inspiriert zu sein. Die beiden arbeiten seit 2004 zusammen, aber im Laufe der Jahre hat Gibbs seine Raps so weit geschärft, dass es den Anschein hat, als könne er jeden Beat durchschneiden. Erstaunlich ist auch, dass selbst in einer Karriere voller Rap-Klassiker die aktuelle Produktion des Alchemisten eine neue Hochwassermarke erreichen könnte. Da keiner der beiden anzudeuten scheint, dass dies ihre letzte Zusammenarbeit sei, ist „Alfredo“ wahrscheinlich nur ein Vorgeschmack darauf, was sie gemeinsam erreichen können.

 

Freddie Gibbs & The Alchemist - God Is Perfect

Freddie Gibbs & The Alchemist - 1985

 

SUFJAN STEVENS – THE ASCENSION  2LP/CD

Was ist von jenem Amerika übrig, von dem Sufjan Stevens träumen kann? Auf der Suche nach der Richtung ist „The Ascension“ da am besten, wenn Stevens nach innen schaut. Er nimmt Schwung in dem bittersüßen „Goodbye to All That“ und kehrt dabei zu einer seiner bekanntesten Haltungen zurück: auf der Straße, verzweifelt, ohne Hoffnung. Der Titeltrack auf „The Ascension“ ist einer der besten Songs, die Sufjan Stevens jemals geschrieben hat. Stevens begleitet sich auf den Tasten mit einer traurigen, pulsierenden Melodie und spricht mit präziser und einfühlsamer Stimme über Glauben und Hoffnungslosigkeit, Bedauern und Offenbarungen. Er erklärt das Leben für bedeutungslos – und hört sich dabei an, als würde er es ernst meinen. „Zu glauben, ich hätte mich wie ein Gläubiger verhalten“, singt er auf seine federleichte, gebrochene Art, „als ich nur wütend und depressiv war.“ Es ist das einzige Lied auf dem Album, das genau in jene Komfortzone passt, in der sich Fragen nach Leben und Tod so intim anfühlen wie die Worte zu einem Liebeslied.

 

Sufjan Stevens - The Ascension

Sufjan Stevens - Tell Me You Love Me

 

WALTER GIBBONS - JUNGLE MUSIC  2LP

Walter Gibbonsʼ Überarbeitung von Double Exposures „Ten Percent“ im Jahr 1976 – sowohl der größte Hit der Band als auch die erste kommerziell erhältliche 12-Zoll-Single – blieb trotz des rauesten und mutigsten Remixes die Visitenkarte für Gibbons kommerzielles Potenzial während seiner gesamten Karriere. Die gleiche Ära blieb größtenteils unbemerkt. Gibbons, bekannt als „DJʼs DJ“ für seine bass- und trommellastigen Überarbeitungen in der New Yorker Clubszene, erhielt Jakkis 7-Zoll-Veröffentlichung „Sun ... Sun ... Sun“ für eine frühe Remix-Behandlung. In seinen Händen wurden dreieinhalb Minuten schrulliger Disco-Fröhlichkeit zu fast zehn dramatischen Gipfeln und Tälern, die grob mit Klebeband verklebt waren und einen kindlichen Mangel an Bescheidenheit oder Hemmung aufwiesen. Sowohl das Luv You Madly Orchestra als auch Arts & Crafts erreichen durch Gibbons Interpretationen ein Deep-Space-Disco-Nirvana, während seine meisterhafte Manipulation der Pausen einen einfachen Übergang in die aufkeimenden Klänge von Elektro und Hip-Hop ermöglichte. Sein 12-Zoll-Mix aus Strafes „Set It Off“ ist schlicht ein Meisterwerk: Gibbons Beschäftigung mit dem Rhythmus konzentriert sich auf eine zurückhaltende, schlanke und langsam brennende Produktion, die frühen Hip-Hop mit einer pulsierenden Gitarrenlinie und tiefem Elektro zu Funk kombiniert. Diese exzellente Sammlung sollte dazu beitragen, Gibbons in die Reihe seiner Zeitgenossen Levan, Moulton und Mancuso zu stellen, und wird hoffentlich auch die neue Welle von Disco-Fans erreichen

 

Walter Gibbons - Sun... Sun... Sun...

Walter Gibbons - Ten Percent

 

FUTURE ISLAND - AS LONG AS YOU ARE  LP/CD

Die Baltimore Synth-Poppers Future Island sind seit der Gründung des Kraftwerk-geschuldeten Art Lord und der Self-Portraits im Jahr 2003 zusammen. Sie brauchten Zeit, um einen Shtick zu entwickeln, der sie wie New Order klingen ließ, vor dem ein verwundeter Löwe stand. Mit ihren Live-Auftritten, bei denen Sänger Samuel T. Herring knurrte, seine Brust schlug, über den Boden krabbelte und den Schweiß von seinem eigenen Körper leckte, gewannen sie eine begeisterte Fangemeinde. „As Long as You Are“ ist eine fein strukturierte Platte. Nachdem sich der Sound in der Mitte beschleunigt, verlangsamt er sich elegant und endet mit dem einnehmenden „Hit the Coast“. Gegen die warme Wäsche von Synthesizern und einen beruhigenden Puls bleibt Herring in seiner Komfortzone mit gebrochenem Herzen. Er klingt ein wenig nach Roland Gift von The Fine Young Cannibals und beklagt dem Zerbrechen einer Beziehung, die so eng gespult und überflüssig ist wie alte Kassetten, die auf dem Rücksitz seines Autos herumliegen. Wenn ich ehrlich bin, ist es genauso schwer, dieses Future Islands-Album vom letzten zu unterscheiden wie eine Möwe von einem anderen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht alle auf eine Weise fliegen und fliegen, die garantiert das Herz höher schlagen lässt.

 

Future Islands - Thrill

Future Islands - Moonlight

 

CRIPPLED BLACK PHOENIX – ELLENGAEST  2LP/CD

Der große schwarze Vogel kreist über einer verlorenen Welt. Wohin führen seine Bahnen? Zunächst einmal zeichnet „Ellengæst“ über seine gesamte Länge ein dynamischeres Bild sowohl tonal als auch kompositorisch. Vor allem im Vergleich zu früheren Werken verfolgen Nummern wie „Cry Of Love“ und „Sheʼs In Parties“ nicht so sehr klassische Rockarrangements, sondern einen sehr einfachen Ansatz. Wobei die Vielfalt dieser Songs als kontrastierendes Element wirkt. Gegen Ende der Platte wäre mit „The Invisible Past“ ein Punkt erreicht, um die Reise abzuschließen. „Ellengæst“ ist nicht das Album, das wir wollten, und definitiv nicht das Album, das wir erwartet hatten – aber es ist eines, das wir verdienen. Während dieses Jahr für viele von großen Nöten geprägt ist, auch was die veröffentlichte Musik betrifft, hat es uns nicht ganz in der Gosse gelassen. „Ellengæst“ schafft es, diese Nöte zu symbolisieren, wenn auch nur teilweise. Wenn unser Leben zurzeit nicht gerade leicht sein mag, diese Platte erhebt uns ein wenig und lässt uns glauben, dass es wieder besser wird.

 

Crippled Black Phoenix - The Invisible Past

Crippled Black Phoenix - She's In Parties

 

TOWNES VAN ZANDT – SOMEBODY HAD TO WRITE IT  LP

Die Lieder wie auch die als Bonustracks beigefügten Interviewausschnitte auf „Somebody Had To Write It“ geben wieder einmal einen bewegenden Einblick in das musikalische Schaffen, aber auch tragische Leben von Townes Van Zandt. Die Live-Aufnahmen, die anders als so manche Nachlassproduktion sorgfältig ediert sind, wurden von ihm noch selbst ausgewählt. Darunter finden sich auch Townes-Klassiker, wie „If I Needed You“, „Pancho & Lefty“, „Waiting Round To Die“ oder „Iʼll Be Here in The Morning“ im Duett mit Barb Donovan. Ein willkommener und notwendiger Anlass also, um unsere seelenlos gewordene Welt wieder mal mit der herzerwärmenden Musik eines der größten amerikanischen Songwriters zu beglücken.

 

Townes Van Zandt - If I Needed You (Acoustic Live)

Townes Van Zandt - The Hole (Acoustic Live)

 

JEREMY IVEY - WAITING OUT THE STORM  LP

Nun, „Waiting Out The Storm“ ist, vereinfachend gesagt, Iveys musikalische Antwort auf den aktuelle Lage. Nachdem er das Virus überlebt hat, weiß er, wie es sich anfühlt, dass ein Morgen nicht selbstverständlich war. In „Tomorrow People“ heißt es: „Ich schätze meine Gesundheit jetzt mehr. Manchmal muss man dem Tod ins Gesicht starren, um an diesen Punkt zu gelangen.“ Ivey hat auf diesem großartigen Rock ʼnʼ Roll-Album viel zu sagen. Sowohl in „What’s the Matter Esther“ als auch im abschließenden „How It Muss“ gibt es zahlreiche scharfe Beobachtungen über unsere Medien. Nur wenige aktuelle Künstler haben auf so gelungene Weise sengenden Rock ʼnʼ Roll mit beißender Lyrik verknüpft. Jason Isbell, Will Hoge und Steve Earle kommen einem in den Sinn. Es macht Iveys besondere Fähigkeit aus, durch diese düstere Landschaft zu stapfen und dabei Beobachtungen zu machen und mehr Fragen zu stellen, anstatt zu predigen. Und seine Band treibt derweilen den Sound hart und kompromisslos voran, was „Waiting Out The Storm“ zu einem starken Anwärter auf eines der besten Alben des Jahres macht.

 

Jeremy Ivey - Things Could Get Much Worse

Jeremy Ivey - Someone Else's Problem

 

 

...und das gefällt uns auch noch

Gen Pop – PPM66  LP

Emmaline West – Dissimulation  LP

Various – Klangfestival Remote  CD

Robert Wyatt – His Greatest Misses  LP/CD

Azymuth – As Curvas Da Estrada De Santos/Ze E Parana (Demos)  LP

Yves Montand – Du Soleil Plein La Tête  LP

Erkin Koray – Elektronik Türküler  LP

Iggy Pop & The Stooges – Russia Melodia  Ltd. Transparent Red  7“

Zara McFarlane – Songs Of An Unknown Tongue  LP/CD

Anthony Mills – Drankin Songs Of The Midwest   LP

Mark E. Smith – The Post Nearly Man  LP (Clear Vinyl)

Big Scenic Nowhere – Lavender Blues  LP

Swans – Where Doses A Body End?  DVD

 

… dazu noch Konzertempfehlungen für die nächsten zwei Wochen:

 

Sa., 17. 10.                  Martin Spengler & Die foischn Wiener (A)
                                   Radiokulturhaus Großer Sendesaal Wien, 4.,    

                                   Argentinierstraße 30a

 

Di., 20. 10.                  Spitting Ibex (A)

                                   Radiokulturhaus Großer Sendesaal Wien, 4.,                           

                                   Argentinierstraße 30a

 

Do., 22.10.                 Wolfgang Puschnig „Fulsome X“ (A/USA)

                                  Porgy & Bess, Wien, 1., Riemergasse 11

 

Fr., 23.10.                   Great Rift (A)                      

                                  Chelsea, Wien, 8., U-Bahnbögen 29-30

 

Sa., 24. 10.                 Douglas Linton & The Plan Bs (USA)

                                  Rave Up Records Live on street, Wien, 6., Hofmühlgasse 1, 15 Uhr

 

Fr., 30. 10.                 pauT (A)

                                  Chelsea, Wien, 8., U-Bahnbögen 29-30

 

 

 

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