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Liebe Freunde, liebe Kunden,

wer hätte gedacht, dass sich die spätestens in den 1990er Jahren totgesagte Schallplatte so lautstark zurückmelden wird? Also ganz im Gegensatz zu der von der Musikindustrie einst hochgejubelten, als das Medium der Zukunft apostrophierten Compact Disc, die nun zwischen den Polen Vinyl und Streaming Media zerrieben, ja geradezu marginalisiert worden ist. Uns freut natürlich das doch überraschende Vinyl-Revival, das weit über spezialisiertes DJ-ing, Sammlersentimentalitäten und Hipster-Exklusivität hinausgeht.

 

Dabei soll aber nicht vergessen werden, was der Einzug des Digitalen bei der technischen Wiedergabe von Musik auch ermöglicht hat. So hat das hoch entwickelte Remastering etwa alter Blues-Schellacks oder grottenschlechter Rockplatten-Pressungen aus den 1960er und 1970er Jahren uns ein neues, viel getreueres Klangerlebnis beschert. Überhaupt konnten die Silberscheiben aufgrund ihrer vielfältigen technischen Möglichkeiten die Entwicklung von Musiker/innen in neuem Licht erscheinen lassen, wie ambitionierte CD-Großeditionen hinlänglich bewiesen haben. Dass die Flut an Reissues in jeder Form und Verpackung primär kommerzielle Interessen hatte, die den Sammeltrieb der Hörerschaft bestens zu nutzen wussten, ist allerdings ein anderes Kapitel.

 

Wie sehr die Schallplatte heute weniger ein Massenprodukt als vielmehr ein exklusives, geradezu luxuriöses Produkt ist, zeigt sich an den vielen liebevoll gestalteten Ausgaben und Reissures-Boxen. In der Hoch-Zeit der Rockgeneration waren umfangreichere Album-Formate eher nur wenigen vorbehalten. Viele jüngere Musiker/innen setzen wieder verstärkt auf eine analoge Produktion, im Sinne eines ,Gesamtkunstwerksʻ, mit allen seinen akustischen, gestalterischen und haptischen Vorzügen. Und sie beharren dabei nachdrücklicher – was sinnfälliger wirkt als bei der Compact Disc – auf dem althergebrachten Albumkonzept als Ausdruck ihrer künstlerischen Entscheidung.

 

Was hingegen das Musikhören angeht, ist die Situation bei den jüngeren Generationen ernüchternder. Sie tummeln sich bevorzugt in der digitalen Wolke der Streaming-Dienste – und verstehen selbst die CD schon als musikalische Steinzeit. So präsentiert sich das Online-Musikgeschäft mit seinen häppchengerecht angebotenen Tracks quasi als Mega-Jukebox 2.0.

 

Dieser wenig ansprechenden Musikkonsumhaltung online stehen freilich die sinnliche Freude an einer realen Vinylplatte und das Stöbern im Plattenladen abseits allen Retro-Chic entgegen. Und dieses musikalische Lebensgefühl wollen wir uns schlicht bewahren!

 

DIAMANDA GALÁS – LITANIES OF SATAN (Remastered)  LP/CD
Diamanda Galás veröffentlicht ihr Debütalbum, das absolut brillante und extreme „The Litanies of Satan“ aus dem Jahr 1982, erneut. Eine Musik, die keineswegs regelmäßig angehört werden will, aber sie ist ein absoluter Maßstab für experimentelle Intensität, der immer einen Spin im richtigen dunklen Moment belohnt. Beim Zuhören denkt man an Steve Reichs „Itʼs Gonna Rain“ oder „Come out to Show Them“, gleichzeitig an die wilden Exkursionen eines Keijo Haino und die kehlige Rohheit des richtigen Black Metal. Das Album ist eine wirklich seltene Kombination aus formalen Klangexperimenten, musikalischer Wissenschaft und sengende menschliche Intensität – in diesem Fall der Extreme und Möglichkeiten, die in einer einzelnen Stimme und ihrer elektronischen Verfremdung enthalten sind. Gleichzeitig dienen denselben Geräuschen einer heftigen, rohen, direkten, stets extravaganten Erforschung von Schmutz und Blut. Erkundung der Grenzen von Körper, Geist und Ausdrucksmitteln. Einige der durchdringenden Schreie sind beinahe sprunghafte Unterbrechungen: In der richtigen Stimmung ist alles mit großen Augen seltsam überzeugend. Der Titel des Albums ist Programm: beschwörende Formeln, dämonische Kräfte. Tiefer Ausdruck von Besessenheit, Angst und Exzess, existentielle Fragen nach der Beziehung zwischen Körper, Stimme, Welt und Geist. Ein furchterregender und kompromissloser Einbruch eines extremen Sounds.

 

Diamanda Galás - Wild Women With Steak-Knives

Diamanda Galás - The Litanies Of Satan

 

REVOLUTIONARY ARMY OF THE INFANT JESUS – SONGS OF YEARNING  LP/CD

Gleich eines vorweg: hier handelt es sich um ein singuläres Album. Es widersetzt sich der Beschreibung, erzwingt jedoch eine Antwort. Es ist absolut frisch, fühlt sich aber für immer an. Liverpools Revolutionsarmee des Jesuskindes, die seit Mitte der 1980er Jahre als lockeres Kreativkollektiv arbeitet, hat in ihrer Arbeit konsequent das verfolgt, was sie als „Echos des Heiligen“ bezeichnen, und versucht, Zugang zu einem Klangraum zu erhalten, in dem Transzendenz in einen erstickend gemessenen Raum eindringen kann. Auf ihrem vierten Album „Songs of Yearning“ haben sie nun einen neuen Raum für Gerüchte über Ruhm entdeckt, und das Ergebnis ist einzigartig kraftvoll. Seine Resonanz wird durch die Schatten der Zweifel, die unser Leben jetzt offen verfolgen, auffallend verstärkt. Ursprünglich und postmodern im selben ewigen Augenblick strotzt „Songs of Yearning“ vor rauer Schönheit und tiefem Mysterium und verbindet kühne Reichweite mit ruhiger, beharrlicher Anziehungskraft. In einer Zeit, in der die Ideale des Wohlstands und Fortschritts um uns herum plötzlich ins Wanken geraten, fühlt sich die Musik der Revolutionsarmee des Jesuskindes wie eine wirklich gute Nachricht an – eine sakramentale Übertragung vom Herzen zum Herzen der Schöpfung.

 

RAIJ - I Carry The Sun

RAIJ - Celestine

 

The GONERS – GOOD MOURNING  LP/CD

The Goners sind eine Riding Easy Records Punk-Proto-Metal-Garage-Rock-Band, die aus dem Kessel der schwedischen Szene um Salemʼs und Yvonne stieg. Track 1 „Are You Gone Yet“ beginnt mit klatschenden Gitarren und metalesken Gitarrenriffs, die die schweißtreibende Verzerrung und Aggression in Klassik und Nu-Metal ausdrücken. Pop ohne Zucker, Garage ohne antivirtuose Haltung, Metal ohne Marshall-Stacks und ein ausgeprägter Thorazine-Shuffle in Nate Gones Gesangsleistung, unterstützt von Grave Daves schlüpfrigen Gitarren-Bitten.

Überraschenderweise haben diese Songs eine fast musikalische Showqualität. „The Little Blue“ hätte auf der musikalischen Bühne von Hedwig and the Angry Inch aufgeführt werden können. Diese Jungs sind so originell, wie man es in diesen Post-Rock-Tagen mit den klanglichen Verweisen auf The B-52ʼs, The Stooges, Pink Floyd und einer beliebigen Anzahl von 1960er-Garagen-Rock-Bands eben zu hören bekommt, und doch sind sie mehr als das. Ich kenne niemanden, der in diesen Tagen so große Schritte unternommen hat wie The Goners auf „Good Mourning“. Schön wäre es, sie live zu erleben, allein schon um zu sehen, wie sie mit der Performance-Sound-Lieferung dieser Songs umgehen.

 

The Goners - Good Ol' Death

The Goners - Down & Out

 

CAROLINE ROSE – SUPERSTAR  LP/CD

In Bezug auf farbcodierte Persönlichkeitsprofile ist ein Rot jemand, der logisch statt emotional denkt. Ein Rot ist eine Person, die weiß, was sie will und in der Regel bekommt. Wie Caroline Roses Name schon sagt, ist sie eine solche Person oder unterhält zumindest eine solche Persona auf ihrer neuesten Veröffentlichung. Das Albumcover zeigt ihr Gesicht bündig mit rubinroten Wangen, burgunderfarbenen Lippen und scharlachroten Haaren vor einer purpurnen Kulisse. Es ist eine Platte über eine Frau, die entschlossen ist, ein Superstar zu werden, während sie sich durch das Land wagt, um ihr Schicksal zu verfolgen.

Es gibt keine Songs auf dem Album mit dem Namen „Superstar“, und dieses Wort erscheint nie auf der Platte. Der Begriff suggeriert sowohl die Tragödie der Karen Carpenter aus dem Todd-Haynes-Film als auch das Traumleben der von Molly Shannon verkörperten Hauptfigur aus „Saturday Night Live“. Roses „Superstar“-Schöpfung offenbart unsere kollektive Bewusstlosigkeit als Fans, die die Biografien unserer Helden der Unterhaltungsindustrie prägen.

 

Caroline Rose - Do You Think We'll Last Forever?

Caroline Rose - Someone New

 

MOURNING [A] BLKSTAR – RECKONING  LP/CD

Das Cleveland-Soul/Funk/Hip-Hop-Kollektiv Mourning [A] BLKstar warf mit seinem „The Garner Poems“-Set ein grelles Licht auf das Jahr 2018. Es klang auf die beste Art und Weise – als schnelle Reaktion auf die sich zunehmend verschlechternde politische Situation, besonders den sich offen zeigenden Rassismus unter Trump – und war eines der schärfsten Alben in dieser Zeit. „Reckoning“ fühlt sich mehr geplant und verfeinert an, da Mourning [A] BLKstar mehr Zeit hatte, in seiner eigenen Angst und Verzweiflung einzukochen. Es ist, so unmöglich es scheinen mag, noch besser als „Garner“. Die Stimmen, ob Leading oder Backing Vocals, kommen punktgenau zum Einsatz, eine echte Gemeinschaftsmusik, die alle sprechen lässt – und so die politischen, sozialen oder sexuellen Themen virtuos miteinander verschmelzen lässt, nicht nur innerhalb eines Songs, sondern oft innerhalb einer einzigen Zeile, eines einzigen Chors. Mit den abschließenden drei Tracks – „Situations“, „Sweet Oil“ und „Star“ – spendet das Album sogar Trost und legt den Leuten vertrauensselig den Arm um die Schulter.

 

Mourning [A] BLKstar - Reckoning

Mourning [A] BLKstar - At The Wall

 

MANIAXXX – THE LAST NIGHTMARE OF CAPTAIN MISSION  LP

Die halluzinierte Reise im Kopf eines Meuterers, Gründers der ersten anarchistischen Kolonie in der Geschichte, kurz vor seinem Tod im Madagaskarmeer. Psychedelisch, laut und psychotisch. Garage/Post-Punk-Fahrten zwischen William S. Burroughs und Geistersee-Geschichten. „The Last Nightmare of Captain Misson“ ist ein Konzeptalbum über die tragische Geschichte dieses französischen Abenteurers und Visionärs, angelehnt an das Album „Melville“ der italienischen Post-Punk-Piraten Movie Star Junkies.

 

 

… und das gefällt uns auch noch:

Sonicʼs Rendezvous Band – Detroit Tango  LP

Kaytranada – Bubba  LP

Jehny Beth – To Love Is To Live  LP/CD

V.A. – Praise Poems Vol.7  2 LP

Hinds – The Prettiest Curse  LP (Colored)

Redd Kross – Red Cross  EP (LP)

The Shivvers – S/T  LP

The Charlatans – Between 10th & 11th Expanded Edition  LP/CD

V.A. – Brown Acid: The Tenth Trip  LP/CD

Ice – The Ice Age  LP

Protex – Strange Obsessions  LP

Orgone – Mos/Fet LP

Stereolith – Escape Velocity  LP

Jay-Jay Johanson ‎– Old Dog  LP

Wino - Forever Gone LP

 

Record Store Street Days im August, September und Oktober @ Rave Up Records

 

Wie ihr wisst, wird jedes Jahr im April kräftig nach dem runden schwarzen Gold geschürft. Heuer allerdings kann aus bekannten Gründen der dafür geschaffene Record Store Day, an dem weltweit viele tausende Menschen teilnehmen, NICHT stattfinden. Stattdessen wird er diesmal in neuem Gewand, dreimal als RSD-Drops, präsentiert:

 

am Samstag, dem 29. August,

am Samstag, dem 26. September, und

am Samstag, dem 24. Oktober.

 

Standen bislang am traditionellen Record Store Day spektakuläre, limitierte Sonderveröffentlichungen sowie die sie begleitenden Zusammenkünfte, Partys und Konzerte – also ein umfassendes Event – im Vordergrund, so wird der Schwerpunkt bei den drei „physisch distanzierten“ RSD-Drop-Terminen anders gesetzt werden. Die modifizierte Veranstaltung soll diesmal mithelfen, den Plattenläden wie auch den Künstlern und Künstlerinnen, Labels, Vertrieben wie überhaupt allen, die hinter den Kulissen daran beteiligt sind, die existenzsichernden Einnahmen in dieser globalen Krisensituation zu bescheren.

 

Die aktualisierte Liste findet ihr hier: RSD Street Dates 2020

 

… dazu noch Konzertempfehlungen:

 

Sa., 04. 07.                 Son of The Velvet Rat (AUT)

                                    rhiz, Wien, 8., U-Bahnbogen 37

 

Mi., 08. 07.                 In der Kubatur des Kabinetts – der Kunstsalon

                                    Fluc, Wien, 2., Praterstern 5

 

Do., 09. 07.                Sir Tralala (AUT)

                                    Chelsea, Wien, 8., Lerchenfelder Gürtel 29-30

 

 

 

 

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